Industrie 3.5 statt 4.0

Von Klaus Manhart am 21. Juni 2017
Nicht alles ist Industrie 4.0, wo Industrie 4.0 draufsteht. Die Analysten von Crisp Research konnten auf der letzten Hannover Messe sehr wenige Industrie 4.0 Beispiele finden, die einen Top-Beitrag zum Firmenerfolg leisten konnten.

Die meisten disruptiven Innovationen bringen im Moment neue Geschäftsmodelle mit IoT-Technologie auf den Markt, die wenig bis überhaupt nichts mit industrieller Fertigung oder Industrie 4.0 zu tun haben. Das haben die Analysten von Crisp Research festgestellt und vier Strömungen bei den gegenwärtigen IoT-Projekten herausgearbeitet:

  • Echte Industrie 4.0 Innovation: Dabei handelt es sich hauptsächlich um industrielle Fertigungsprozesse in einer "digital factory", die wirklich die "Information" als Differentiator benutzen; so wie es von den ursprünglichen Industrie-4.0-Vordenkern gegenüber der dritten industriellen Revolution, der digitalen Automatisierung, auch gedacht war.

  • Echte IoT Innovation - sichtbar für Kunden und Umsatzsteigerung für Anbieter: Die spannendsten, aber in Deutschland leider viel zu seltenen Innovationen, haben große Kunden-Sichtbarkeit. Sie stellen neue, digitale Produkte mit neuem Umsatzpotential dar und sind natürlich disruptive Innovationen.

  • Fake-Industrie 4.0: Wie auch schon vom Bitkom Verband letztes Jahr analysiert, verdient ein großer Teil der angeblichen Industrie-4.0-Innovationen höchstens das Label Industrie 3.5. Eine kontinuierliche Vertiefung der Automatisierung innerhalb eines Unternehmens hat wenig mit Industrie 4.0 zu tun.

  • Traditionelle Business Expansion: Die kontinuierliche Erschließung neuer Märkte im Rahmen der Globalisierung bringt für das einzelne Unternehmen sehr wohl eine Umsatzsteigerung, auch wenn es in den meisten Fällen keine sprunghafte Veränderung oder Innovation darstellt. IoT trägt dazu allenfalls wie jede andere Technologie bei.

Die beiden letzten Strömungen sind also weder sonderlich innovativ noch disruptiv. Ein cooles IoT-Projekt startet mit dem Businessplan oder einem Design-Thinking-Workshop - und nicht mit der Analyse der heutigen Fertigungsprozesse, wie zu viele Industrie 4.0 Projekte, die dann zu oft als Fake-Industrie 4.0 enden, sagt Crisp Research. Oder, um es mit HPE Distinguished Technologist Yanick Pouffary zu sagen: Start small, think BIG!